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Samstag, 18. Februar 2012

Die Sturmflut in Hamburg von 1962 – Helmut Schmidt regiert den Krisenstab

Sturmflut Helmut Schmidt, damals Innensenator der Hansestadt, in der Litzmann-Kaserne in Hamburg-Wandsbek. Er übergab die Dankmedaille der Freien und Hansestadt Hamburg an 400 Soldaten für deren Einsatz während der Flutkatastrophe

Die Sturmflut von 1962 in Hamburg. Ganz Wilhelmsburg stand unter Wasser. 312 Menschen starben. Die meisten wurden im Schlaf überrascht. Diese große BILD-Serie erzählt von der schlimmsten Katastrophe Hamburgs seit dem Zweiten Weltkrieg. Teil 3: Die Rolle des damaligen Innensenators Helmut Schmidt.

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Der Sonnabend bringt das Grauen.

In Kirchdorf wacht ein Familienvater auf, als das Wasser in seinem kleinen Holzhaus hinterm Deich bereits meterhoch steht. Er kann die Tür zum Kinderzimmer nicht mehr öffnen, reißt in seiner Verzweiflung den Kohleofen aus der Halterung, schlägt ein Loch in die Wand, will seine Tochter (14) hindurch ziehen. Das Loch ist zu klein. Das Wasser steigt. Das Mädchen weint. Es stirbt, während es sich an die Hand des Vaters klammert.

In der Gartenkolonie Brummerkaten watet eine Frau mit drei Kindern durchs hüfthohe Wasser. Ihr Mann hat sich auf einen Baum gerettet. Sie überlebt mit den Kindern. Der Mann fällt Stunden später erfroren vom Baum.

In der selben Kolonie schafft es ein Ehepaar zu einer Stelle, wo das Wasser ruhiger ist. Aber es steht ihnen bis zum Hals. 10 Stunden stehen sie da. Dann kommen Retter mit einem Boot. Die Frau schreit: „Erst meinen Mann!“ Die Retter: „Wir können nur Lebende mitnehmen. Die Toten sind später dran.“ Da erst merkt sie, dass ihr Mann seit Stunden tot ist.

Von Schicksalen wie diesen, überhaupt von der Situation in Wilhelmsburg, ist im Lagezentrum der Polizei am Karl-Muck-Platz nichts bekannt.

Sturmflut

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Dort hat Senator Helmut Schmidt im Morgengrauen das Kommando übernommen.

Was er vorfindet, beschreibt er später mit den Worten: „Lauter aufgeregte Hühner." Man weiß nicht, wo die Deiche gebrochen und welche Gebiete überflutet sind, welche Hilfsmittel gebraucht werden, wo die Not am größten ist. O-Ton Schmidt: „Sie haben reagiert wie in einem Kriegsspiel, wie ein weit von der Front entfernter Stab, der in der Etappe sich ein Lagebild zusammensetzt."

Schmidt ist kühl, ein Befehlstyp, Stratege durch und durch. Er holt Männer in den Führungsstab, die er kennt und denen er vertraut. „Gute Leute" nennt er sie. Wer weitschweifig referiert, den unterbricht er schroff.

Mittags ordert er einen Hubschrauber, um die Lage zu überblicken. Pilot Dietrich Schmeidler (damals 21) fliegt ihn über die Veddel nach Wilhelmsburg. Dort steigt der Senator aus. Schmeidler soll warten, tut das aber nicht. Er entscheidet, Leute von den Dächern zu holen und startet ohne Schmidt, der es trotzdem (auf nicht überlieferte Weise) ins Präsidium zurückschafft.

Dort läuft die größte Rettungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik an. Per Funk, per Telefon, aber auch per Fernschreiben bittet Schmidt den NATO-Oberbefehlshaber für Europa, alle in Norddeutschland stationierten Truppen der Briten, Amerikaner, Belgier und Holländer sowie die Bundeswehr um Hilfe, z.B. mit diesem Fernschreiben:

+++blitz nr. 356, 17.2.62 ++ konteradmiral rogge, kiel, generalmajor müller, hannover ++ senat erbittet dringend verfügungstellung von transportraum, schlauchbooten und sturmbooten zur rettung von mehreren tausend menschen, die sich auf dächern in äußerster lebensgefahr befinden ++ polizeibehörde hamburg, schmidt, präses +++

Schmidt funktioniert wie eine Maschine. Im großen strategischen Denken, aber auch im kleinsten Detail. Es gibt zum Beispiel eine handschriftliche Notiz des späteren Bundeskanzlers, die lautet: „Presse, wer ist da, wer kommt? Bitte ohne Ostzone“. Schmidt wollte vermeiden, dass die DDR die Katastrophe zur antiwestlichen Propaganda ausschlachtet und (O-Ton aus einem späteren Interview) „deswegen hab ich gesagt, lasst die Kommunisten bei den Pressekonferenzen draußen.“

24 Stunden nach Schmidts Eintreffen im Krisenstab sind über 25 000 Helfer im Einsatz: NATO-Truppen, Bundeswehr, Johanniter, DRK, Malteser, Arbeiter-Samariter-Bund, Sporttaucher aus ganz Deutschland, Froschmänner und Falck-Retter aus Dänemark.

Es gibt aber auch private Initiativen. Hamburger Bauunternehmer schaffen ihre Planierraupen nach Wilhelmsburg. Otto A. Friedrich, Chef der Harburger Phoenix-Gummiwerke, liefert Tausende Wärmflaschen, die mit Trinkwasser gefüllt und über Wilhelmsburg abgeworfen werden. Ein Hotel aus dem Ruhrgebiet schickt mit einer Linienmaschine Vier-Gänge-Menüs in die Behelfsheime.

Sturmkarte Die Grafik des Deutschen Wetterdienstes zeigt die Vorhersagekarte der Windgeschwindigkeit für den 16. Februar 1962. Rot markiert sind die Orkan-Winde über der Nordsee, die später zum Katastrophen-Orkantief „Vincinette“ werden und die Sturmflut nach Hamburg bringen

Bemerkenswert und von vielen Zeitzeugen erwähnt ist, wie aktiv sich viele „langhaarige“, eher staatsferne Hamburger Jugendliche an den Hilfsarbeiten beteiligen. Die damals „halbstark“ genannte Generation unter 20 ist latent bundeswehr-feindlich eingestellt. Der leitende Beamte Werner Eilers erinnert sich, O-Ton: „Aber durch diese Atmosphäre, die wir inzwischen hatten, diese Solidarität, ist auch bei den Jugendlichen der Eindruck entstanden, das hier ist etwas anderes.“

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Auf der Rollbahn vorm 4. Heeresfliegerbataillon 100 in Bückeburg (Nieders.) löst Feldwebel Wolfgang Trester (26) vor dem Takeoff die Rotorbremse seines H-34-Hubschraubers. Der Seitenwind drückt während des Fluges nach Hamburg so stark, dass Trester immer wieder den Kurs an der Kompassnadel kontrollieren muss, um nicht abgetrieben zu werden. Unter normalen Umständen hätte es niemals eine Starterlaubnis für seinen und weitere elf Hubschrauber gegeben!

Gegen 15 Uhr schwebt Trester bei orkanartigem Wind aus Nordwest zum ersten Mal über einem Wilhelmsburger Dach, auf das sich ein Mann gerettet hat. O-Ton. „Im letzten Moment ins linke Ruder treten, den Heli in den Wind drehen, der Techniker liegt auf dem Bauch, zieht den Mann rein. Jeder Zentimeter zu viel ist gefährlich. Der Abwind kann ihn vom Dach pusten. Alle halten Ausschau nach Hindernissen, Masten usw.“

Der Einsatz ist auch für die Besatzungen lebensgefährlich. Zumal viele der jungen Piloten Manöver wie im Actionfilm fliegen. Trester:

Manche Kameraden drücken Antennen erst mit dem Hubschrauber um, bevor sie ranfliegen. Andere schieben Dachziegel mit dem Fahrwerk weg oder brechen sie mit dem Gewicht des Hubschraubers, um so die Öffnungen zu vergrößern, damit die Leute rausklettern können.

Bei den nächsten Flügen von Fuhlsbüttel haben wir Lunchpakete dabei. Die sind von Hamburger Kaufleuten, Bäckern und so, gespendet. Wir lassen sie mit Seilen runter. Schwer ist die Orientierung. Keine Stadtpläne, und alles ist ja überflutet. Am Ende kennen wir uns aber gut aus. Ich weiß noch, dass eine Frau ein Rezept aus dem Fenster gehalten hat. Wir sind so dicht ran, dass der Bordtechniker ihr das Rezept aus der Hand nehmen konnte, sind in die Stadt geflogen, haben die Arznei geholt und ihr hingebracht. Wieder an die Hauswand. Rezept übergeben. Auftrag erledigt. Und weiter.“

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